Der erste Schritt für mich war der Wunsch ins Ausland zu gehen. Ich habe nach dem Abitur direkt angefangen zu studieren und nicht, wie viele andere, erstmal ein Gap Year genommen, um als Au-Pair zu arbeiten oder ein Praktikum zu absolvieren. Ich hatte das Gefühl, dass ich das auf jeden Fall nachholen musste; auch, um aus meinem gewohnten Umfeld herauszukommen und mich in gewisser Weise neu zu finden und weiterzuentwickeln. Da ich bereits wusste, dass ich mein Studium im August beenden werde, war das der ideale Zeitpunkt sowohl um neue Arbeitserfahrung zu sammeln als auch um raus aus Deutschland zu kommen. Natürlich wollte ich die Gelegenheit dann auch nutzen, um weit weg von meinem routinierten Leben zu kommen. Ich hatte bereits von vielen, die die Chance hatten hierher zu kommen, gehört, dass Südafrika, und besonders Kapstadt, traumhaft schön sein sollen. Und wie der Zufall (oder das Schicksal) es wollte, kam ich durch Kontakte meines damaligen Arbeitgebers an die Praktikumsstelle bei AKA Recruitment International in Kapstadt. Nach einigen Monaten der Vorbereitung (Wohnungssuche, Impfungen etc.) und Vorfreude war es dann am 6. September soweit und ich stieg um 22 Uhr in den Flieger, auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt. Das klingt jetzt vielleicht wahnsinnig abenteuerlustig, aber in Wahrheit war der Abschied von meiner Familie und meinen Freunden sehr schwer und statt Vorfreude überwog kurz vorm Abflug eher die Angst. Angst, dass ich mich in dem neuen Land nicht zurechtfinde, Angst, dass ich keinen Anschluss finde, Angst vorm Alleine bleiben.

Als ich 12 Stunden später aus dem Flugzeug stieg erwarteten mich zu allem Überfluss keine 20 Grad und Sonnenschein, sondern 16 Grad und strömender Regen. Ich wurde dann am Flughafen von einem Fahrer des Hauses, in dem ich wohne, abgeholt und zu meiner Unterkunft gebracht. Dort wurde ich von einer netten Mitarbeiterin des Unternehmens (RentARoom) in Empfang genommen und in mein Zimmer geführt. Nachdem sie gegangen war machte ich mich auf Entdeckungstour im Haus. 14 weitere Zimmer. Drei Bäder. Und eine dreckige Küche. Leider war ich darüber hinaus auch noch den gesamten Tag alleine, da, wie ich später erfuhr, alle anderen ebenfalls für ein Praktikum hier waren und sich dementsprechend auf der Arbeit befanden. Das hat meinem Heimweh natürlich nicht wirklich Abhilfe geschaffen. Hinzu kam, dass es deutlich kälter war, als ich erwartet hatte. Man kann die Jahreszeiten hier nicht annähernd mit denen in Deutschland vergleichen und ich war wirklich heilfroh, dass ich mir trotz „Frühlings“ noch einen dicken Schal eingepackt hatte. Als am Abend dann alle langsam eintrudelten wurde ich sehr herzlich in Empfang genommen. Außer einem Mädchen aus Österreich und einem Jungen aus Frankreich waren zu meiner Überraschung alle anderen Mitbewohner aus den Niederlanden.

Am Freitagabend sind wir ausgegangen. Anders als in Deutschland empfiehlt es sich hier in jedem Fall nicht nachts bzw. im Dunkeln zu Fuß unterwegs zu sein, weder alleine noch in einer Gruppe. Die Schere zwischen Arm und Reich ist unglaublich groß in Kapstadt, was eine hohe Kriminalitätsrate verursacht. Die gängigste Methode zur Fortbewegung ist die Verwendung von Uber. Alles in allem fühle ich mich aber nie wirklich unsicher. Besonders Gardens, der Stadtteil, in dem wir wohnen und in dem sich auch das Büro befindet ist sehr sicher und gut bewacht. Beachtet man ein paar Regeln kann eigentlich nicht viel passieren. Ich hatte im Vorfeld schon mit einer Arbeitskollegin aus Kapstadt darüber gesprochen, weshalb ich relativ gut darauf vorbereitet war.

Am Samstag bin ich mit zwei meiner Mitbewohner nach Observatory gefahren. “Obs“ ist das Studentenviertel Kapstadts, was man an den vielen Cafés und Bars merken kann. Anschließend fuhren wir zur Waterfront, der Touristenattraktion im Hafengebiet von Kapstadt. Neben einem großen Einkaufszentrum gibt es hier zahlreiche Vergnügungsmöglichkeiten. So entschieden wir uns spontan zu einer einstündigen Katamaran Tour entlang der Küste. Das Wetter hatte sich inzwischen deutlich verbessert und so schipperten wir bei wolkenlosem Himmel und 22 Grad über den Atlantik.

Am nächsten Tag konnte ich dann direkt einen Punkt meiner Bucket List abarbeiten: Wir bestiegen den Table Mountain. Wir nahmen dafür den Platteklip Gorge, welcher mit circa 1 ½ Stunden Aufstiegszeit der schnellste, sicher aber auch der anstrengendste Weg ist. Oben angekommen zahlten sich alle Mühen jedoch aus und die Aussicht war jeden einzelnen Schweißtropfen wert. Für den Weg runter entschieden wir uns dann aber doch für die Seilbahn, welche ebenfalls einen atemberaubenden Blick auf den Berg ermöglicht.

Am Montag war dann mein erster Arbeitstag gekommen. Ich wurde superherzlich im Büro empfangen und in das Unternehmen und die Arbeitsabläufe eingeführt. Ich habe mich direkt sehr wohl und aufgehoben gefühlt und konnte in den ersten Wochen bereits wichtige Recherche-Arbeiten vorantreiben.

Am Mittwoch hatte einer meiner Mitbewohner für uns alle Karten für das Fußball-Spiel FC Cape Town gegen die Kaizer Chiefs Johannesburg im Kapstadt-Stadion organisiert. Auch wenn mich Fußball nicht wahnsinnig interessiert, so war die Stimmung und die Atmosphäre im Stadion doch ein einmaliges Erlebnis, das sich definitiv gelohnt hat. Die seit der WM 2006 bekannten Vuvuzelas und die Gesänge der Einheimischen sorgten für ein buntes und mitreißendes Ambiente.

Am darauffolgenden Wochenende fuhren wir am Samstagmorgen nach Woodstock zum Old Biscuit Mill. Dieser Markt vereint alles, was das Herz begehrt, von internationalen kleinen Essensständen über Schmuck und Taschen hin zu Bekleidung. Die Atmosphäre (und vor allem das Essen) waren super und ich kann es nur jedem empfehlen einmal da gewesen zu sein.

Am Sonntag bestiegen wir dann noch einmal den Table Mountain, aber dieses Mal entschieden wir uns für den Skeleton Gorge, welcher im botanischen Garten in Kirstenbosch, quasi am anderen Ende des Berges startet. Der Weg war atemberaubend und man musste sich anfangs richtig durch die Wälder kämpfen, über Steine klettern und Holzleitern heraufsteigen. Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, auch wenn es mehr als doppelt so lange gedauert hat wie der erste Aufstieg.

“Das Heimweh wird weniger und die Vorfreude auf die nächsten Wochen größer.”

Alles in allem kann ich sagen, dass ich mich nach nun zwei Wochen schon etwas eingelebt habe. Das Heimweh wird weniger und die Vorfreude auf die nächsten Wochen größer. Man ist hier definitiv nie allein, wenn man nicht allein sein möchte. Am kommenden Wochenende fahre ich mit drei Freunden zum Kruger Nationalpark. Dann kann ich einen weiteren Punkt von meiner Bucket List streichen.